Centre Valbio

Nachdem ich beschrieben habe, was ich die nächsten Monate tun werde und wie meine ersten Tage im tropischen Regenwald waren, möchte ich nun kurz vorstellen, wo ich untergebracht bin. Obwohl ich natürlich noch nicht viel vom Land gesehen habe, weiß ich, dass diese Forschungsstation in Madagaskar einzigartig ist und auch weltweit gesehen ganz weit oben ist. Auch die Geschichte der Station und des Nationalparks ist so erstaunlich, dass ich sie kurz erzählen will.

Der Eingang des Centre Valbio
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Im Jahr 1986, als die Straßen und die Transportmöglichkeiten in Madagaskar noch deutlich schlechter waren, brach die berühmte amerikanische Primatologin und Naturschützerin Dr. Patricia Wright nach Madagaskar auf, um den Großen Bambuslemur (Prolemur simus), den man über 50 Jahre für ausgestorben gehalten hatte, wiederzuentdecken.
In der Umgebung von Ranomafana, im Südosten der Insel, gelang ihr nicht nur der Wiederfund dieser Spezies, sondern auch der Fund einer neuen, bis dahin unbekannten Lemurenart - dem Goldenen Bambuslemur (Hapalemur aureus).

Beide Arten leben recht versteckt und sind in ihrem Bestand stark gefährdet, da ihr Lebensraum, feuchte Bambuswälder, durch die in Madagaskar übliche Brandrodung bedroht ist.
Die Bauern und Viehzüchter auf dem Land brennen jährlich riesige Flächen des Regenwaldes nieder und nutzen sie für kurze Zeit zum Anbau von Bananen, Zuckerrohr und Reis sowie zur Viehhaltung, danach ist der Boden durch die Schräglage im sehr bergigen Madagaskar und die hohen Niederschläge so ausgewaschen, dass neue Flächen gerodet werden müssen.
Erschreckenderweise sind von der ursprünglichen Fläche des Regenwalds von Madagaskar durch diese Jahrhundertelange Tradition nur noch etwa 5 % erhalten. Das erste, was ich bei meiner nächtlichen Ankunft in Madagaskar aus dem Flugzeug sah, waren die Feuer der Brandrodung!

Eine abgebranntes Stück Land in der Nähe von Antsirabe
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Um den Lebensraum der beiden seltenen Lemuren und damit tausender anderer Tier- und Pflanzenarten zu schützen, setzte sich Patricia Wright dafür ein, den Wald um Ranomafana unter Schutz zu stellen. 1991 wurde das Gebiet als Nationalpark ausgewiesen.

Aus einem kleinen Holzgebäude am Rand dieses Parks, in dem anfänglich provisorisch Forscher und Equipment untergebracht waren, wurde unter ihrer Leitung von 1996 bis heute eine moderne Naturschutz- und Forschungsstation, in der Forscher schlafen, essen und mitten im Regenwald in Laboren arbeiten können.


Blick auf das vor wenigen Jahren neu gebaute Gebäude "Nomana Be" mit vielen Balkonen und einer Dachterasse zum Arbeiten und Entspannen an der frischen Luft. Links im Bild zu erkennen ist das Baugerüst des zukünftigen Sammlungsgebäudes
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Damit wird allerdings nicht nur der Natur geholfen. Auch die einheimischen Menschen in den Dörfern der Umgebung profitieren von dem Strom an Besuchern, die die Region wegen des Centre Valbio aufsuchen sowie Aktionen der Entwicklungshilfe, die durch die selben Mittel wie die Station und der Nationalpark finanziert werden.
Im Dorf Ranomafana gab es vor dem Bau des Zentrums zwei Hotels, mittlerweile sind es über zwanzig! Zudem finden viele Madagassen aus der Umgebung im Personal des Centre Valbio einen Beruf und können ihren Kindern eine weit bessere Schulbildung ermöglichen, als sie sie selbst erhalten haben.

Es gibt zwei große Gebäude, in denen Schlaf- und Aufenthaltsräume, Büros, Computerräume, ein Speisesaal, eine Küche, ein Konferenzraum, ein Molekular-Labor und sogar eine Elektronik-Werkstatt (vor allem für die Arbeit an einer Fotografie-Drohne) untergebracht sind. Auch die Dachterasse ist für jeden zugänglich und bietet einen wunderschönen Blick auf den umgebenden Regenwald.

Blick auf das Gebäude "Lova Be" und den Garten des Centre Valbio
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Die Bibliothek des CVB
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Der Ausblick auf den Nationalpark von der Dachterasse
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Genutzt wird die Einrichtung von Forschern und Kamerateam aus aller Welt, von Austauschstudenten sowie von naturwissenschaftlich orientierten Reisegruppen wie National Geographic.

Am letzten Wochenende war das Centre Valbio vollbesetzt: Im Speisesaal saßen 17 Amerikanische Studenten, vier Kenianische Schmetterlingsforscher, zwei Madagassische Mauslemuren-Forscher, drei Fotografen, zwanzig Teilnehmer einer NatGeo-Reisegruppe, eine weitere amerikanische Reisegesellschaft, ein Nachrichten-Team sowie  zahlreiche nationale und internationale Verwaltungs-Beamte des Zentrums beim Mittagsessen zusammen.

Dr. Patricia Wright (rechts) bei einer Führung durch das Gebäude für eine National Geographic-Reisegruppe
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Gemeinsames Mittagessen im Speisesaal
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Zudem habe ich das große Glück, den Bau des neuen Gebäudes des CVB live miterleben zu dürfen (der amerikanische Architekt, der das Projekt leitet, ist mein Zimmer-Genosse). In diesem zweistöckigen Haus, das wenige Tage vor meiner Abreise feierlich eröffnet werden soll, werden weitere PC- und Konferenzräume sowie eine entomologische und botanische Sammlung untergebracht werden.

Der Grundstein für die Sammlung wird zur Zeit gelegt: die kenianischen Schmetterlingsforscher haben die ersten Falter präpariert und ich beginne mit dem Aufbau einer Käfersammlung, die dann fortwährend weitergeführt werden soll und in Zukunft Forschungsprojekte ermöglichen sowie einen Überblick über die Artenvielfalt in der unmittelbaren Umgebung des Centre Valbio verschaffen soll.

Die Schmetterlingsforscher beim Aufbruch in den Regenwald
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Ein Interview mit dem Kenianischen Schmetterlingsexperten Steve Collins
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Angesichts der Tatsache, dass der Regenwald Madagaskars zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt zählt und die Ordnung der Käfer die artenreichste aller Lebewesen ist, bedeutet das, dass einiges an Arbeit auf mich zukommt! Auch dazu werde ich in den nächsten Tagen einen kurzen Eintrag schreiben.

Viele Grüße aus Madagaskar,
Marc 🐛

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