Das Leben in Madagaskar

Nach einer etwas längeren Pause melde ich mich nun mit einem völlig unbiologischen Thema wieder, von dem man jedoch selbst als Insektenforscher nicht unberührt bleibt: Der Kultur des Landes Madagaskar sowie dem alltäglichen Leben der Landsleute.

Da Madagaskar zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, ist es klar, dass man beim Anblick der Armut der Leute, sowohl in den großen Städten als auch auf dem Land, erst einmal etwas schockiert ist. Obwohl moderne Kleidung und Technologie wie Smartphones das Land erreichen und auf den ersten Blick den Eindruck von relativem Wohlstand vermitteln, leben die meisten Menschen sehr einfach: In selbstgebauten Hütten aus Holz, Lehm und Wellblech, je nach Region und Vermögen.
Viele Gebrauchsgegenstände werden aus Holz und Bambus hergestellt und alle importierten Gegenstände aus Kunststoff oder Metall werden so lange verwendet und immer wieder repariert, bis sie absolut nicht mehr zu gebrauchen sind.

Eine Straße im Dorf Ranomafana

Kinder in einem abgelegenen Dorf

Eine Holzhütte im sehr weitläufigen Dorf Mangevo

Begehrte Kunststoffgefäße auf dem Sonntagsmarkt von Ranomafana

Bewohner des Dorfes Ambotalahy beim Waschen ihrer Kleidung in einem Brunnen. Meist wird diese Arbeit einfach im nahen Fluss verrichtet.

Ein Stand voller wahlloser Gebrauchsgegenstände auf dem Markt von Mananjary



Werkzeuge für die tägliche Feldarbeit auf dem Markt von Ranomafana
Der Großteil der Madagassen (gerade auf dem Land) arbeitet in der Landwirtschaft oder anderen Bereichen des Primären Wirtschaftssektors.
Ein sehr häufiger Anblick sind Menschen, die Lehmziegel formen und in großen Stapeln am Straßenrand brennen. Außerdem verdienen viele Menschen ihr Geld damit, Steine zu zerkleinern und als Pflastersteine, Schotter oder Split zu verkaufen. Auch die Goldschürferei (im Sediment von Flüssen oder umgegrabener Erde) ist häufig, um ihren Ertrag zu steigern verwenden viele Menschen dabei auch sehr unvorsichtig Quecksilber, womit sie sich und der Umwelt in hohem Maß schaden.
Dass bei all diesen Arbeiten fast immer auch Kinder beteiligt sind, ist kein schöner Anblick. Natürlich ist die Lebenserwartung der Menschen, die solche kräftezehrenden und gesundheitsgefährdenden Berufe ausführen, nicht besonders hoch...

Goldschürfer im Fluss Ranomafana

Ziegelstapel am Straßenrand
Eine Granitmine mit Haufen unterschiedlich stark zerkleinerter Steine

Auch arbeiten viele Menschen auf dem Feld und bauen Grundnahrungsmittel wie Reis und Maniok sowie Früchte wie Litschis, Bananen und Ananas an oder treiben die madagassischen Rinder (Zebus) von Feld zu Feld.

Eine kleine Bananenplantage beim Dorf Vohiparara

Ein Ananasfeld am Rande des Nationalparks Ranomafana

Ein kleines Reisfeld, umgeben von sekundärem Buschland
Feldarbeiter beim Umgraben einer Ackerfläche

Eine Zebu-Herde wird durch das Dorf Ranomafana getrieben
Obwohl die Herstellung gesetzlich nur für den Eigenbedarf erlaubt ist, produzieren viele Menschen in selbstgebauten Destillen zudem starken Rum aus Zuckerrohr (genannt Toaka Gasy).

Eine kleine, nicht ganz legale Toaka -Destille am Ufer des Ranomafana
Alle Anbau- und Verarbeitungsprodukte werden an einem festen Tag auf dem Markt in den Dörfern verkauft. Zudem kommen viele Menschen zu anhaltenenden Bussen und Autos und bieten ihre Lebensmittel auf Tabletts an, da sie wissen, dass gerade die Menschen in Fahrzeugen etwas wohlhabendener sind.


Eine große Auswahl verschiedener Hülsenfrüchte  und weiterer Lebensmittel. Die  Steine in dem Karton werden zur Aufnahme von Mineralsalzen gegessen

Ein überdachter Lebensmittelmarkt in Mananjary

Verkäufer bieten ihre Waren auf Tabletts bei einem Busstop den Reisenden an
Für die Feldwirtschaft werden jährlich riesige Flächen des Regenwalds im "slash and burn"-Verfahren (hier Tavi genannt) gerodet. Bei einer langen Wanderung in des Regenwaldcamp Mangevo konnte ich Tavi-Flächen in verschienen Zuständen, von noch schwelenden Brandflächen über spärlich mit Pionier-Pflanzen bewachsene Hänge bishin zu noch von Kohle und Asche bedeckten, landwirtschaftlich genutzen Feldern sehen.

Der Rauch einer entfernten Brandrodung, im Vordergrund bereits verbranntes Land

Ein Tavi-Feld kurz nach dem Abbrennen, direkt daneben schon bewirtschaftete Reisfelder

Eine von Pionierpflanzen bereits wiederbesiedelte Brandfläche
 
Das Resultat jahrzehntelanger Tavi-Kultur: ein stark gestörter Lebensraum mit landwirtschaftlich ineffizienter Nutzung und fragmentiertem Restwald-Bestand
 
Auf dem Land sind die meisten Menschen zu Fuß unterwegs. Auch weite und schwierige Strecken werden entweder aus Gewöhnung oder aus Mangel an festem Schuhwerk barfuß oder in Flip-Flops zurückgelegt. Dabei tragen die Madagassen, anders als Mitteleuropäer, die meisten Dinge nicht in den Händen oder auf dem Rücken, sondern frei balancierend auf dem Kopf.
Die traditionellen Strohhüte des örtlichen Stammes von Ranomafana (Betsileo) sind aus diesem Grund eckig und oben flach, um eine bessere Auflagefläche zu bieten.



Auch Nutztiere wie Hühner können von den geübten Madagassinen problemlos in einer Schüssel auf dem Kopf trasportiert werden.
 Fahrräder sieht man eher selten, dafür aber Motorroller und Mofas als zweirädrige Taxis. in Städten ist für kurze Strecken auch die dreirädrige Motorrikscha ("Tuk-Tuk") sehr beliebt.
Überlandfahrten sind am besten im Taxi-Brousse, einer Mischung aus Taxi und Bus möglich. Zwar dauert die Reise damit ewig, da die Busse teils große Umwege fahren und Waren auf das Dach aufladen und mit einer Körpergröße, die die Durchschnittgröße der Madagassen (Frauen 1,55, Männer 1,65) allzu sehr überschreitet ist die Fahrt auch nicht besonders angenehm, aber dafür ist die Reisemethode sehr günstig (eine fünfstündige Busfahrt an den Küstenort Mananjary hat mich zum Beispiel nur etwa 2,5 € gekostet).
Die Fahrzeuge sind meistens von Französischen Marken und sehr alt und ramponiert. Eine vollständig heile Frontscheibe ohne Sprünge ist schon fast ein seltener Anblick...

Eine Rikscha und ein Tuk-Tuk in Mananjary
Eine gute Beschreibung des madagassischen Verkehrs: zwei sich entgegenkommende Taxi-Brousse auf der selben Straßenseite, eines mit offener Seitentür, eines mit  auf dem Dach stehendem Packer

Ein Taxi-Brousse beim Beladen mit Säcken voller Litschis in einem ablegenen Ort an der Ostküste
Einen Stromnetzanschluss und fließendes Wasser haben die meisten Menschen außerhalb der größeren Städte nicht, sie füllen Flaschen und Kanister mit Quellwasser und verwenden seit einiger Zeit auch Solarpanels (zum Großteil aus Deutscher Herstellung) um per USB-Anschluss elektronische Geräte wie Handys und Radios aufzuladen.
Gekocht wird mit Holzkohle auf einem kleinen Ofen aus Blech oder Lehm.

große Solarpanels zur Stromgewinnung in ländlichen Regionen

Ein Feldarbeiter mit tragbarem Solarpanel und daran angeschlossenem Bluetooth-Lautsprecher
Leider bringt die Armut und das Gefühl der Vernachlässigung durch die Politik im ganzen Land auch viel Kriminalität hervor.
In der Region um Ranomafana zum Beispiel hat sich der frühere Stamm der Dahalo aus Mangel an Perspektiven zu einer Bande von Dieben und Plünderern entwickelt, die erst die Zebus anderer Dörfer stahlen und nun dazu übergegangen sind, die Dörfer mit Schusswaffenn zu überfallen und auszurauben. Nach zwei Angriffen im August und November wurde dabei erst vor wenigen Tagen in  einem kleinen Dorf in der Umgebung ein Polizist erschossen, woraufhin ich und eine andere Wissenschaftler das abgelegene Camp Mangevo aus Sicherheitsgründen vorzeitig verlassen mussten.

Gendarmes bei der Kontrolle eines Busfahrers
In den nächsten Einträgen werde ich vom typischen Essen sowie dem Charakter der Madagassen und ihrer Sprache berichten.

Bis dahin,
Marc 🐜




Kommentare

  1. Sieht abenteuerlich aber auch interessant aus !
    Davon machen wir uns in unserem wohlhabenden Deutschland keinen Begriff .
    Und - gibt es schon neu entdeckte Spezies ?!
    LG Ralf

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    1. Ja, da hat man erst mal einen ganz schönen Kulturschock! Ob es schon neue Arten gibt kann ich noch nicht sagen, aber unter den vielen kleinen Käfern sind sicher einige, die noch keinen Namen tragen :) Ist natürlich viel Arbeit eine Erstbeschreibung zu veröffentlichen!

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