Während die letzten beiden Einträge sich eher um kulturelle Aspekte Madagaskars gedreht haben, soll es nun wieder um Flora und Fauna des Madagassischen Regenwaldes gehen.
Vor allem in meinem 6-tägigen Aufenthalt im abgelegenen Regenwaldcamp
Mangevo konnte ich in kürzester Zeit unglaublich viele für mich neue Lebewesen sehen!
Schon Darwin beschrieb im 19. Jahrhundert den verwirrt-erfreuten Geisteszustand eines Naturforschers, der zum ersten mal einen Tropischen Regenwald durchstreift als "Chaos of Delight" und tatsächlich versteht man erst hier wirklich, was Worte wie Artenvielfalt oder Biodiversität bedeuten und wo Schätzungen von vielen Millionen unentdeckten Arten ihren Ursprung haben!
Man sieht alle zwei Schritte etwas neues und es ist ebenso schwer, sich auf etwas zu konzentrieren wie ein und die selbe Art an mehreren Tagen zwei mal zu finden!
Durch mehr, größere, ausladende Äste, Lianen sowie den Bewuchs der Bäume mit Moos und Epiphyten ergibt sich im Dschungel, verglichen mit mitteleuropäischen Wäldern ein viel stärker dreidimensionaler Lebensraum, von dem man auf dem Boden eben auch nur einen Bruchteil mitbekommt! Gerade in den hohen Baumwipfeln leben Arten, die man auf dem Waldboden niemals zu Gesicht bekommen wird!
Nach Weihnachten werde ich die Chance haben, einen Frosch-Forscher mit Seil und Harnisch in diese faszinierende Welt zu begleiten und die Baumkronen aus nächster Nähe zu sehen, ich werde danach von meinen Erlebnissen berichten!
Hier möchte ich kurz in Fotos einige der verblüffendsten und skurillsten Überlebensstrategien, die die Tiere des Madagassischen Regenwalds unter dem allgegenwärtigen Druck des "Survival of the Fittest" über Millionen von Jahren entwickelt haben: Mimikry, Mimese, Jagdstrategien und viele weitere Anpassungen an die Umwelt.
Die Jäger
Der Überlebenskampf hat im Regenwald unzählige erstaunliche Räuber unter den Tieren hervorgebracht. Die Anzahl der räuberisch lebenden Tiere am oberen Ende der Nahrungskette ist dabei natürlich eher begrenzt. Madagassische Raubtiere wie die Fossa (ein katzenähnliches, nur hier heimisches, nachtaktives und sehr scheues Wesen) jagen Lemuren und Raubvögel jagen Nager. Steigt man in der Nahrungskette weiter herab, wird es für die Tiere des Regenwaldes schon deutlich gefährlicher. Als Insekt jeder Art muss man sich vor Amphibien, Reptilien, Mauslemuren und Vögeln in acht nehmen.
Aber auch die Gliederfüßer selbst sind keineswegs alle friedliche Vegetarier. Tatsächlich ist die Gefahr für Wirbellose, die von Raubinsekten, Spinnen und co. ausgeht, ebenso real und allgegenwärtig wie die der Wirbeltiere.
Besonder spannend ist es, zu sehen, wie auch Räuber von anderen Räubern gefressen werden. Oft beobachtet man am selben Tag eine Kombination zweier Tiergruppen in umgekehrter Konstellation: Einmal eine eine große Raubfliege als Jäger einer Kleinlibelle, dann eine kleine Raubfliege als Beute einer Großlibelle.
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| Das Chamaeoleon Calumma gastrotaenia lauert vorbeilaufenden Insekten auf, die es mit seiner blitzschnell ausfahrbaren, klebrigen Zunge erbeutet. |
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| Eine Kescherspinne (Deinopidae) verharrt mit einem zwischen ihren vier vorderen Beinen aufgespannten, elastischen Netz, dass sie blitzschnell weiten und über ein vorbeikriechendes Insekt stülpen kann. | | |
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| Eine große Wolfsspinne (Lycosidae) mit einer erbeuteten Großlibelle |
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| Die Baumbewohnenden Riesenkrabbenspinnen der Gattung Damastes gehören unter den Spinnen Madagaskars sicher zu den gefürchtetsten Räubern und sind für Arachnophobiker vermutlich kein schöner Anblick. |
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Selbst die räuberischen Spinnnen sind in Madagaskar nicht vor anderen wirbellosen Jägern sicher. Diese Pelikanspinne (Archaeidae spec. ) ist darauf spezialisiert, mit ihrem langen Hals und den ausladenden Cheliceren (Greifzangen) Jagd auf Radnetzspinnen zu machen.
Sie ist ein "lebendes Fossil", das seit Millionen von Jahren fast unverändert existiert und für ein halbes Jahrhundert nur aus fossilem Bernstein bekannt war! |
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| Trotz ihrer guten Tarnung wurde diese Grille von einer Falltürspinne (Entypesa spec.) erbeutet, deren Versteck im verschlossenen Zustand nahtlos in der Baumrinde verschwindet |
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| Ein Skorpion aus der Gattung Grosphus, am Stachel tritt schon ein Tropfen des sehr potenten Giftes aus. |
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| Ein baumbewohnender Sandlaufkäfer der Gattung Pogonostoma, der auf seinen Streifzügen in einem unglaublichen Tempo spiralförmig um einen Baumstamm herumläuft. |
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| Eine Raubwanze (Familie Reduviidae) mit einer erbeuteten Ameise, die durch das Rostrum ausgesaugt wird. |
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| Mit ihrem durchdringenden Blick und den kraftvollen Fangarmen sieht man einer Gottesanbeterin schon an, dass sie zu den besten Räubern des Insektenreiches gehören. |
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| Dieses Männchen der Art Tisma freyi hat einen kleinen Käfer erbeutet und schon halb gefressen. |
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| Was hier auf den ersten Blick mit einer Gottesanbeterin verwechselt werden kann ist eine weitere Raubwanze aus der Unterfamilie Emesiinae, die durch konvergente Evolution unabhängig die gleichen Fangarme entwickelt hat, ihre Beute aber nicht zerkaut, sondern durch ein Rostrum aussaugt. |
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| Während ihre nahen Verwandten, die Tausendfüßer, friedlich verrottende Pflanzen fressen, sind Hundertfüßer gefürchtete Räuber, die mit modifizierten, Giftdrüsen tragenden Vorderbeinen kleinen wie großen Wirbellosen und in Grenzfällen sogar Amphibien oder Nagern nachstellen. |
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| Diese schön gefärbte und anmutig fliegende Großlibelle ist mit ihren unberechenbaren Flugmanövern, dem rieseigen Sichtfeld und den kräftigen Beinen und Kiefern einer der Top-Prädatoren der Lüfte und erbeutet von Fliegen bis Schmetterlingen alles, was sich zu weit vom Erdboden entfernt. |
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Eine Raubfliege der Gattung Notiolaphria mit einer erbeuteten Pflanzenwespe
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| Auch die Heuschrecken, von denen die meisten eher beliebtes Futter für verschiedenste Räuber darstellen, haben einige Räuber (hier zum Beispiel aus der Familie Tettigonidae) hervorgebracht. |
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| Wer sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann, wird von den Kollonnen hungriger Ameisenvölker abtransportiert |
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| Eine Ameise mit einem erbeuteten Leuchtkäfer, der sogar in dieser Situation noch hoffnungsvoll blinkt, um vielleicht in seinen letzen Sekunden noch ein Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. |
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Eine besondere Jagdstrategie
hat der Ameisenlöwe entwickelt, die Larve eines libellenähnlichen
Insekts, das durch kreisförmige Bewegungen einen großen Trichter im Sand
formt, in dessen Zentrum es mit gespreitzen Giftklauen auf
hineinstürzende Ameisen lauert
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Tarnen und Warnen
Um sich vor der großen Anzahl gefährlicher Räuber zu schützen, die das Leben nahezu jedes Tieres bedrohen, haben sich unglaubliche Tarnungs- und Abwehrstrategien entwickelt.
Durch Camouflage oder Mimese verschmelzen die verschiedensten Insekten, aber auch andere Reptilien und Amphibien mit ihrer Umgebung. Andere Warnen durch auffällige Farben davor, dass sie giftig sind oder ahmen mit ihrem Aussehen einfach giftigere oder wehrhaftere Arten nach.
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| Eine auf Moos getarnte Spinne |
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| Ein auf Moos und Flechten getarnter Rüsselkäfer. Die grüne Farbe stammt
nicht vom Käfer selbst, sondern von Algen und Moosen, die sich auf
seinem Exoskelett angesiedelt haben |
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| Eine als Flechte getarnte Spitzkopfzikade |
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| Eine in Moos getarnte Gottesanbeterin |
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| Ein in Moos getarntes junges Heupferd (Familie Tettigonidae) |
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| Eine in Moos getarnte Stabschrecke auf der Gattung Antongilia |
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| Eine Raubwanzen-Nymphe (Familie Reduviidae) die sich mit Dreckpartikeln tarnt |
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| Eine subadulte Brancsikia aeroplana (Laubmantis). Auch Jäger können schnell zum Gejagden werden! |
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| Eine Stachelspinne ahmt ein trockenes Blatt nach |
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| Ein Chamaeleon der Gattung Brookesia tarnt sich in der Laubschicht des Regenwaldes. |
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| Ein "Gespenst-Blattschwanzgecko" (Uroplatus phantasicus) ahmt ein trockenes Blatt nach. |
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| Der unglaublich gut getarnte Moos-Blattschwanzgecko (Uroplatus sikorae) auf einem Ast |
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| Die Fransen, die die Ränder des gesamten Körpers umgeben, lösen die Umrisse des Tieres auf und verhindern, dass es einen Schatten wirft. Diese Art sitzt immer mit dem Kopf nach unten gerichtet, damit die zur Beobachtung der Umgebung geöffneten Augen nicht im Sonnenlicht glitzern. |
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| Diese Spinne hat eine Tarnungsstrategie entwickelt, die man sonst eher von Stabschrecken kennt: Mit ihrem stark verlängerten Abdomen ahmt sie einen dünnen Zweig nach. |
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| Dieses Heupferd ahmt mit seinen breiten Flügeln grünes Laub nach |
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| Diese Raupe ahmt mit ihrer Färbung tatsächlich Vogelkot nach, ein sehr verbreitetes Phänomen auch in Europa |
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| Diese Spitzkopfzikade offenbart bei Gefahr ihre leuchtend roten Hinterflügel und signalisiert damit, dass der Angreifer sich mit dem Verzehr des Insekts keinen Gefallen tun würde. |
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| Auch diese leuchtend rosa gefärbte Spitzkopfzikade zeigt durch ihre Färbung, dass sie ungenießbar oder giftig ist |
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| Bei Gefahr spreizt der Madagassische Pfauenspinner Antherina suraka seine Flügel und versetzt dem Angreifer (vormutlich oft Mauslemuren oder Nager) einen Schock, der durch die Augenflecken ein viel größeres Tier (z.B. eine Eule) in ihrer vermeindlichen Beute erkennt. |
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| Diese eigentlich gut getarnte Borocera-Raupe kann bei Gefahr Hämolymphe in spezielle Hauttaschen pumpen und bunt gefärbte Brennhaare erscheinen lassen |
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| Diese kleine Spinne ahmt einen giftigen Blattkäfer mit dem selben Farbmuster nach. |
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| Diese Stelzenfliege der Gattung Paramimegralla ahmt eine stechende, parasitäre Schlupfwespe nach. |
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| Diese Springspinne ahmt eine stechende und beißende Ameise nach. Die Vorderbeine werden dabei nicht zum Laufen benutzt, sondern wie die Fühler der Ameise in der Luft gehalten. |
Körperliche Unangreifbarkeit
Nahezu jedes Tier, das nicht räuberisch ist, sich gut auffällig gut tarnt, vor seiner Giftigkeit warnt oder ein gefährliches Tier nachahmt, hat Körperliche Anpassungen, die es erschweren, das Tier anzugreifen oder zu fressen.
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| Diese Gasteracantha versicolor ist für einen Vogel nur sehr schwer in einem Stück zu schlucken. |
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| Auch die Stachelspinne Acrosomoides acrosomoides wirkt für einen Jäger nicht gerade wie eine appetitliche Beute. |
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| Diese Schildwanze (Familie Pentatomidae) würde beim Herunterschlucken für einen Räuber ziemliche Schmerzen verursachen. |
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| Bei dieser Stachelschrecke (Familie Tetrigidae) sind die Stacheln auf dem Thorax so ausgerichtet, dass sie jedem Angreifer automatisch im Hals stecken bleiben und somit zumindest eine Lektion erteilen würde. |
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| Bei der Gespenstschrecke Parectatosoma hystrix diesen die unzähligen Dornen nicht nur der Tarnung, sondern machen sie in Kombination mit anderen Abwehrstrategien auch zu einer sehr unappetitlichen Beute. |
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| Selbst im sehr kleinen Maßstab gibt es stachelige Insekten: Dieser Igelkäfer hat auch in Deutchland einen sehr nahen Verwandten. |
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| Die klebigen Wachsausscheidungen dieser Spitzkopfzikaden-Nymphe zerbrechen bei einem Angriff in sehr feine Filamente und verkleben jedem Angreifer die Mundwerkzeuge. |
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| Dieser Schildkäfer (Unterfamilie Cassidinae) kann sich mit seinen erweiterten Flügeldecken bei Gefahr (z.B. durch einen Ameisen-Angriff) so dicht an das Blatt drücken, dass es den Angreifern unmöglich ist, die verletzliche Körperunterseite zu erreichen. |
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| Diese Cassidinae verbindet die Abwehrstrategien des abgeflachten Körpers und der Dornen. |
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Diese Wanzen aus der Familie Scutelleridae schützen ihr weiches Abdomen mit dem zum Schild erweiterten Scutellum, das bei anderen Wanzen nur als kleines dreieckiges Schild ausgebildet ist. Die jungen Wanzen (z.B. rechts unten) haben diesen Schutz noch nicht und müssen sich zwischen Ihren ausgewachsenen Artgenossen verstecken.
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Ich werde in meinen nächsten Einträgen über Wechselwirkungen der Tiere und Pflanzen des Regenwaldes (Symbiose, Parasitismus etc.), über die Madagassische Sprache und Kultur sowie die Logistischen Aspekte einer mehrtägigen Dschungel-Expedition berichten.
Bis dahin,
Marc 🐞
Ein super beindruckender Bericht !!
AntwortenLöschenWas für eine Vielfalt und Artenreichtum !
Gibt es denn auch schon absolute Neuentdeckungen ?
Ich wünsche dir noch viele Erlebnisse dieser Art , vor allem aber auch
frohe Weihnachten !
Viele Grüße von Ralf
Wieder ein toller Beitrag!
AntwortenLöschenKaum zu glauben, wieviel Tierarten es dort gibt und dass du diese, oft super getarnten, Tiere entdeckst.
Liebe Grüße Mama
Ganz toll geschrieben, Herr Professor ��. Die Fotos sind der Wahnsinn. Beeindruckend was du in drei Monaten alles erlebst. Ich wünsche dir noch viele interessante Entdeckungen. Pass auf dich auf.
AntwortenLöschenPapa
Hallo Marc, ich verfolge dich jetzt schon seit einiger Zeit auf deiner Reise und finde es sehr beeindruckend und mutig von
AntwortenLöschendir, dass du dich alleine auf ein solches Abenteuer einlässt, meinen Respekt !
Auch was du schreibst und die Bilder, die du machst, zeigen deutlich deine Liebe zum Detail, weiter so.
Viele Grüße von einem Fan deines Blogs
Hallo Marc,
AntwortenLöschenDeine Berichte sind toll, sehr detailliert und auch für Laien wie mich verständlich. Die Fotos - unglaublich. Mir genügt allerdings der Anblick auf Entfernung.
Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, sich die Namen dieser Tiere zu merken und wer wen frisst.
Bringe bitte nicht so viele blinde Passagiere mit nach Denkte in den Gunzelinweg..
Ganz herzliche Grüße von deiner Nachbarin
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AntwortenLöschenLocated 논산 출장마사지 in 태백 출장안마 the 상주 출장마사지 heart of 사천 출장마사지 the Las Vegas Strip, the Wynn Hotel 시흥 출장안마 and Casino offers everything an American gambler needs. From video poker to blackjack,